Community Music Therapy

Kraft für eine sich wandelnde Kultur?

Inaugural-Dissertation zur Erlangung des akademischen Grades des Doctor scientiae musicae am Institut für Musiktherapie der Hochschule für Musik und Theater Hamburg
eingereicht von Christine Simon, Klein Jasedow, am 1. November 2011

7.5 Das Zentrum für Experimentelle Gesellschaftsgestaltung
In den ersten Märztagen des Jahres 2009 reiste ich nach Belzig, einem kleinen Ort südwestlich von Berlin, und besuchte Hagara Feinbier im Zentrum für Experimentelle Gesellschaftsgestaltung. Es war mein erster Besuch in dieser 1991 gegründeten Gemeinschaft, die sich dem Aufbau neuer Formen des Zusammenlebens widmet. Dort wohnen ca. 80 Menschen, die für die Entfaltung einer neuen Kultur leben und arbeiten, in deren Zentrum die Gestaltung offener Räume für Gemeinschaftsentwicklung, ökologische und politische Arbeit, Spiritualität und Kreativität stehen. Sie arbeiten für eine Kultur des Friedens und sehen ihre Aufgabe u.a. darin, Menschen zu ermutigen, ihre Zukunft gemeinsam mit anderen Gleichgesinnten in die eigene Hand zu nehmen. Ihr gemeinschaftliches Leben verstehen sie als Alternative zum weit verbreiteten Profit- und Konsumdenken. Dabei sehen sie ihre Gemeinschaft als lebendigen Organismus, der — entsprechend den Bedürfnissen der BewohnerInnen — in einem beständigen Veränderungsprozess begriffen ist. Zur Förderung von Vertrauensbildung entwickelten sie verschiedene Kommunikationsformen wie z.B. das allwöchentliche „Forum“, die „Infobörse“, Frauenrunden und Männerrunden. Entscheidungen, die alle betreffen, werden im Konsens gefällt. Musik, Kunst, Tanz und Theater haben für sie einen hohen Stellenwert (www.zegg.de, Stand: 21.12.2010). Das ZEGG liegt am Rande des Städtchens Belzig leicht erhöht über einem großen Obstgarten. Der Garten bildet den Ausgangspunkt der kleinen Siedlung, die sich unter Bäumen einen leichten Hang hinauf schlängelt. Da ich etwas zu früh angekommen war, konnte ich in Ruhe die Häuser der Gemeinschaft anschauen. Es waren freundliche Häuser, keins glich einem andren, mit lebhaften Farben und überaus gastfreundlichen Menschen, die mir an diesem Märzmorgen entgegenkamen. Ein zentraler Ort inmitten der Siedlung mit einem großen Schwimmbassin war als Platz für alle erkennbar. Beide, die Menschen wie ihre Häuser, vermittelten, dass hier Individualität und Gemeinschaft zugleich gelebt wird.

7.5.1 Hagara Feinbier — Tendenz: Räume der Geborgenheit durch Musik
Meine erste Begegnung mit Hagara Feinbier war unter freiem Himmel, als ich im Eingangsbereich des ZEGG auf sie wartete. Sie kam mir mit großer Offenheit entgegen. Obwohl sie gerade ihren 50. Geburtstag gefeiert hatte, erschien sie mir dennoch alterslos. Im Gespräch strahlte sie eine große Herzlichkeit, Kraft und zugleich eine Leichtigkeit aus, die etwas Melodiöses hatte. Das Gespräch fand im Empfangsraum des ZEGG statt. Ursprünglich studierte Musiklehrerin lebt sie seit seiner Gründung im ZEGG und bringt dort ihre gesamten Fähigkeiten ein. Überzeugt von der gemeinschaftsbildenden Kraft der Musik sammelte sie über viele Jahre hinweg Lieder aus aller Welt, die nur nach dem Gehör leicht erlernbar sind. Damit will sie das Singen in Gemeinschaft für jeden Menschen zugänglich machen nach dem Grundsatz: Jeder Mensch kann singen. Sie gründete im ZEGG Singkreise und Bands und blickt inzwischen auf eine umfangreiche Seminartätigkeit zurück, in der sie LeiterInnen von Singkreisen ausbildet. Auf diese Weise trägt sie dazu bei, eine neue Kultur des Singens, für die sie sich mit Leidenschaft engagiert, in soziale Einrichtungen, Schulen und den Alltag von Menschen zu bringen. Jedes Jahr veranstaltet sie im Zentrum ein „Come Together Songs-Festival“, das inzwischen von Hunderten von Menschen besucht wird. Das Zentrum in Verbindung mit H. Feinbiers Arbeit wurde im Jahr 2010 von den Vorständen des Projekts „Singende Krankenhäuser“ der Stiftung „Il Canto del Mondo“ als „Singende Gesundheitseinrichtung“ ausgezeichnet (vgl. Bossinger 2010). Für H. Feinbier bewirkt Musik eine „spirituelle Öffnung“ wie auch „das Gefühl, verbunden zu sein“. Das Singen hat aus ihrer Sicht „auf vielerlei Ebenen“ die Kraft, „Gemeinschaft zusammen zu bringen und auch zusammen zu halten.“ Wenn Menschen beginnen würden, zu singen, würden sie „in ein gemeinsames Schwingungsfeld eintauchen“ und sich „synchronisieren“, um „dann das Herz frei zu haben für Kontakt“. Eine andere Ebene sei, dass „Menschen sich gerne musikalisch zeigen“ würden. In diesem Zusammenhang berichtet sie von einem Erlebnis, dass sie so „sehr berührt“ habe, dass es ihr „Leben verändert“ habe. Sie empfand es in ihrer Anfangszeit im Zentrum als „gefährlich“ für die Gemeinschaft, dass durch die Tatsache, dass sie Musikerin war, alle Gemeinschaftsmitglieder das Singen und Musizieren an sie delegierten. So gewann sie den Eindruck, dass sehr „viel Kreativität brachliegen“ würde. Um dies zu verändern, stellte sie einmal während der allwöchentlichen „Foren“ bzw. „Infobörsen“ die Frage, „wer denn schon einmal ein besonderes Erlebnis mit Musik“ in seinem Leben gehabt hätte. Und sie forderte all diejenigen auf, für die das gelten würde, sich in die Mitte zu stellen. Daraufhin geschah es, dass tatsächlich „alle in der Mitte“ standen, an die 50 Menschen. Hagara Feinbier richtete als Konsequenz daraus ein musikalisches Forum ein, in dem sich jede Woche einer dieser 50 Menschen „musikalisch outet und ein Podium hat, was sich auf ihn freut.“ Und sie berichtet, dass sich daraufhin der Landwirt der Gemeinschaft, hingestellt und ein zartes plattdeutsches Liebeslied („Dat du mien Leevsten büst“) gesungen habe. Sie erkannte, dass gemeinsames Musizieren und Singen eine überaus verbindende Wirkung hat, wenn man einen Raum schafft, „in dem alles gleichzeitig sein darf“, Trauer, Freude, Wünsche und Bedürfnisse. Durch Musik habe „man eben auch die Möglichkeit, dem Ausdruck zu geben“, wobei sich die Gefühle „von alleine auflösen“ könnten. Sie hält die Musik in einer Gemeinschaft für essentiell wichtig und sagt: „Ohne Musik gäbe es das ZEGG nicht mehr, weil Musik die Menschen einfach zusammenbringt und emotional erst einmal eine Ebene bereitet, auf der man viele Dinge viel einfacher austrägt oder bereit ist, miteinander zu kommunizieren.“ Dazu meint sie: „Ich glaube, gerade in den ersten Phasen einer Gemeinschaftsbildung hat Musik eine ganz starke Bedeutung.“ Es ginge in dieser Phase erst einmal darum, „etwas Gemeinsames heraus zu finden“, und das ginge mit Musik sehr gut. Von da aus würde „die Energie weiter in die Projekte getragen, die man tun will.“ Aus diesen Erfahrungen heraus entstand ihre Liedsammlung, die „Come Together Songs“, die ihr geeignet erschienen, „Menschen zusammen zu bringen“. Alle Lieder werden nach dem Gehör gelernt, es gibt keine Noten, allenfalls Textblätter, die zuweilen in der Mitte aufgestellt werden. Dabei muss keiner mitmachen, man kann auch „am Rand sitzen“ und „zuhören, und man ist trotzdem Teil des Ganzen.“ Eine wichtige Qualität von Musik in Gemeinschaft sei für sie, „Raum und Zeit zu geben für das, was sein darf und sich entwickeln kann“ sowie regelmäßige „Punkte, wie z.B. Jahreszeitenfeste, die der „Gemeinschaft eine gemeinsame Ausrichtung“ geben. Wenn man dies in einer Gemeinschaft nicht hätte, würde man „schnell die Orientierung verlieren, wenn‘s einmal schwer wird“. Musik würde die inneren Ressourcen stärken, und da man in den schwierigen Zeiten des Neuaufbaus viel „Geduld und Beharrlichkeit“ bräuchte, könne die Musik dazu beitragen, dass man sich wieder auf das Wesentliche besinnt und „weiß, warum man es tut.“ Und sie sagt: „Ich glaube, dass es überhaupt keine Gemeinschaft gibt ohne Musik“. Für H. Feinbier sind Musik und Spiritualität unmittelbar verbunden. Sie hält Spiritualität für ein „intimes Grundbedürfnis des Menschen“, über das es „nicht einfach sei, zu sprechen“. Und sie sagt: „Meine tiefe Liebe oder meine Überzeugung, — das ist oft mindestens so intim, wenn nicht sogar intimer, als über meinen Liebespartner zu reden.“ Die grundlegende Frage sei: „Aus welcher Quelle speist sich meine Liebe?“ Im Zentrum hätten sie keine gemeinsame spirituelle Ausrichtung, doch jeder, der dort leben würde, wüsste, „dass es eine große Bedeutung hat, eine spirituelle Wurzel oder eine Quelle zu haben.“ Spiritualität sei eine starke Kraftquelle, und es gäbe in der Gemeinschaft „ein gegenseitiges Akzeptieren des jeweils anderen Weges.“ Diese verschiedenen spirituellen Richtungen kämen dann „zu den Jahreskreisfesten“ jeweils zusammen. Da H. Feinbier selbst in dichter Verbundenheit mit der Natur lebt, betrachtet sie die Verbindung von Musik und Natur als etwas Selbstverständliches. In den ersten Jahren hätten sie viel in der Natur gesungen, wobei sie sogar für eine gute Ernte gesungen hätten. Eine Kollegin von ihr habe einmal eine ganze Saison lang „für die Tomaten gesungen“. Inspiriert von wissenschaftlichen Untersuchungen zum Verhalten von Pflanzen unter dem Einfluss von Musik hätten sie auch versucht, Vergleiche anzustellen. Und sie spricht von einem Ereignis im ZEGG, bei dem sie um einen Krug Wasser gesessen seien und „alle ihre Liebes-Energie in dieses Wasser hinein gesungen“ hätten. Anschließend tranken sie gemeinsam das Wasser. Auch hätten sie „über Musik telepathische Kommunikationsversuche mit Bäumen, Steinen und Tieren gemacht. In Bezug auf Tiere berichtet sie von einer Fahrt mit der „Kairos“, einem „Delphin-Forschungsschiff“, an dem ein Teil der Gemeinschaft teilgenommen hätte, wobei sie versucht hätten, über Musik Kontakt mit den Walen und Delphinen aufzunehmen. Bei improvisierter Musik von hoher Intensität seien sie sehr lange unmittelbar am Boot geblieben. Vor allem H. Feinbiers musikalische Arbeit trägt viel dazu bei, dass die Gemeinschaft auch mit Menschen und Institutionen von außerhalb des ZEGG vernetzt ist. So berichtet sie, dass z.B. kürzlich ein großes gemeinsames Singen in der Belziger Grundschule stattgefunden habe, und sie erwähnt, dass sie „einmal im Monat einen offenen Singkreis für die Region“ anbieten würde. Darüber hinaus würde die Gemeinschaft besondere Feste für BesucherInnen von außerhalb öffnen und publizieren, sodass ein reger Austausch mit den Menschen der Region bestehe. Dazu tragen auch ihre Seminare und Ausbildungen für SingkreisleiterInnen bei, die inzwischen von Menschen aus ganz Deutschland sehr gut besucht würden. Sie würde diese Seminare auf eine Art gestalten, dass die Menschen sich „mit ihren Emotionen aufgehoben“ fühlten. Es sei ihr „spezielles Anliegen, Menschen zu ermutigen, dort, wo sie leben und arbeiten, mit den Menschen wieder zu singen“. Sie sei „richtig glücklich, dass da inzwischen schon ganz viele Blüten über die Bundesrepublik verteilt entstanden sind.“ Inzwischen lädt sie einmal jährlich alle daraus entstandenen Singkreise zu einem Festival ein, zu dem Hunderte von Menschen kämen. Hagara Feinbier ist von der bewusstseins- und gesellschaftsverändernden Wirkung dieser Arbeit überzeugt. Sie beeindrucke immer wieder, zu sehen, „wie sich die Gesichter verändern“ im Vergleich zur ersten Begegnung, und welch ein Wandlungsprozess sich während der Seminare und Feste ereigne. Für viele der zahlreichen Menschen, die ihre Seminare, Ausbildungen und Festivals besuchten, wäre es ein „unglaubliches Erlebnis“, zu erfahren, dass es möglich sei, „mit einer so großen Gruppe von 60 Leuten so eine starke Verbundenheit und Intimität zu erzeugen.“ Sie glaubt, dass die Kraft zu gesellschaftlicher Veränderung in der Möglichkeit liege, „zu erfahren, dass ich mich in dem, was mich bewegt, was meine Bedürfnisse oder mein politischer Wille ist, zusammentun kann“, die Erfahrung, „es sind so viele, die das Gleiche tun, in die gleiche Richtung wollen, und ich muss keine Angst haben, dass ich völlig untergehe, wenn ich mich jemandem anschließe.“ Für viele sei es eine „große Sorge, dass man die Individualität aufgeben müsse, um in einer Gruppe aufzugehen“. Statt dessen würden sie beim Singen erfahren, dass sie individuell bleiben und zugleich „Rückhalt in der Gruppe finden“. Oft habe sie erlebt, „wie sich auch die Emotionen dabei lösen können, dass dann beim Singen die Tränen fließen und sich etwas auflösen kann, was einem sonst auf der Seele“ liegen würde. Solche Prozesse betrachtet sie als therapeutisch, wobei sie diesen Begriff im selben Atemzug relativiert. Dazu sagt sie: „Therapeutisch ist halt auch so ein Wort, — ich glaube, dass es eigentlich Teil der Gemeinschaft ist, solche Räume bereit zu stellen.“ Und sie betont: „ In anderen, mehr archaischen Kulturen gibt es immer Räume durch Musik, wo man der Trauer, der Wut, der Angst und der Freude musikalisch Ausdruck gibt, durch Rituale. Wir haben das heute nicht mehr.“ So würde heute jeder auf seinen Emotionen „alleine sitzen“ und müsse dann „damit allein zum Therapeuten rennen“. Im ZEGG aber würden beständig solche Räume geschaffen werden. Auf Grund der häufig wechselnden Gruppen-Zusammenhänge gäbe es dabei zuweilen auch Einbrüche, aber wenn man einmal erlebt habe, dass solche Räume möglich seien, könne man sie „einfach wieder aufbauen“. So habe sie z.B. schon mehrfach Trauerfeiern von Menschen aus der Gemeinschaft, die gestorben seien, musikalisch begleitet, in dem sie „musikalisch einen rituellen Raum“ geschaffen habe. Dabei sei es die Aufgabe von „allen, gemeinschaftlich die Trauernden nicht alleine zu lassen“, und dafür sei Musik sehr geeignet. Sie habe mit der Gemeinschaft auch schon für Gebärende gesungen, und es sei für sie selbstverständlich, dass sie überall da sei, wo sie gebraucht würde.

7.5.2 Auswertung
7.5.2.1 Eintauchen in ein Schwingungsfeld — zur Ebene des Persönlichen in Bezug zur Musik

Musik ist für die Musikerin und Pädagogin Hagara Feinbier ein Tor zur Verbundenheit mit ihren Mitmenschen, mit sich selbst und mit ihren spirituellen Wurzeln. Vor allem seitdem sie im ZEGG lebt, macht sie die Erfahrung, wie stark die Kraft von Gemeinschaft in Verbindung mit Musik auf Menschen wirkt. Innerhalb ihrer Singkreise nimmt sie wahr, wie die TeilnehmerInnen zusammen in ein gemeinsames Schwingungsfeld „eintauchen“, das ihnen hilft, sich von seelischen Belastungen zu befreien und aktiv in die Gemeinschaft zu integrieren. Ein Erlebnis im ZEGG veränderte ihr Leben, als sich in einer Runde von ca. 50 Menschen auf die Aufforderung hin, dass jeder, der bereits einmal ein besonderes Erlebnis mit Musik gehabt habe, in die Mitte des Kreises gehen solle, alle Anwesenden in die Mitte stellten. Tief berührt davon richtete sie von da an ein wöchentliches Forum ein, das wechselweise jedem ZEGG-Mitglied ein Podium bietet, um der Gemeinschaft ein Lied oder ein Musikstück zu schenken. Dabei bewegte sie vor allem die Erfahrung, dass sich besonders Menschen, von denen niemand ahnte, dass sie eine Beziehung zur Musik hätten, diesem Impuls, für die Gemeinschaft zu singen und zu musizieren, hingaben. Dies führte sie zu der Erkenntnis, dass die Fähigkeit zum Singen und Musizieren wie auch die Gemeinschaftsfähigkeit jedem Menschen immanent ist.

7.5.2.2 Musik als Basis von Gemeinschaft — zur zwischenmenschliche Ebene mit dem Bezug zur Musik
Für Hagara Feinbier ist diese Ebene die Basis all ihrer musikalischen Aktivitäten und die Keimzelle von Gemeinschaft. Durch die Erkenntnis, wie öffnend und befreiend die Erfahrung des Zwischenmenschlichen in Verbindung mit Musik auf Menschen wirkt, kreiert sie musikalische Räume von Freiheit, Ruhe und Geborgenheit, in denen sie Ermutigung und Entfaltung ihrer Persönlichkeit erfahren können. Für diese Räume der Musik, Begegnung und Kommunikation schuf sie ihre Liedsammlung, die „Come Together Songs“. Die Entwicklung neuer Formen von Kommunikation ist eines der zentralen Anliegen des ZEGG, und für sie ist das Zentrum nicht denkbar ohne die Musik, die vor allem in der Anfangsphase stark zur Gemeinschafts- und Vertrauensbildung beitrug und den Prozess der Selbstfindung als Gemeinschaft förderte. Die sich beständig erneuernde Musik des Zwischenmenschlichen ist für Hagara Feinbier die Basis, von der alle weiteren kreativen, kulturellen, ökologischen und politischen Aktivitäten ausgehen. Um sie zu stärken, gestaltet sie das Leben im ZEGG mit einer Vielfalt von musikalischen gemeinschaftlichen Ausdrucks- und Erfahrungsformen, wie z.B. Singkreise, Rituale und Festivals.

7.5.2.3 Musikalische Rituale für die Gemeinschaft — zur Ebene des Spirituellen
Musik bedeutet für sie eine „spirituelle Öffnung“, die Erfahrung, sich als Teil eines Ganzen wahrzunehmen. Nach ihrer Erkenntnis ist Spiritualität ein Grundbedürfnis des Menschen. Auf der Basis von Toleranz und Respektierung des jeweils anderen wird sie im ZEGG in verschiedenster Weise gelebt. Es ist für sie nicht leicht, über dieses Thema zu sprechen, doch sie nennt eine Frage, die für sie grundlegend ist, die Frage: „Aus welcher Quelle speist sich meine Liebe?“ Und sie weist auf die besondere Intimität hin, die mit Spiritualität verbunden sei, eine Intimität, die größer noch sei als die der partnerschaftlichen Liebe. Jeweils bei den Jahreskreisfesten, wenn die Elemente geehrt und die Wandlung der Natur gefeiert wird, singt und musiziert sie mit der Gemeinschaft, und ebenso während Übergangsritualen zu Geburts- oder Trauerfeiern. Damit arbeitet sie für den Aufbau neuer ritueller Formen, in denen sich eine Spiritualität ausdrücken kann, die nicht einer bestimmten Religion angehört, oder die verschiedene religiöse Richtungen integriert. In Hagara Feinbiers Liedsammlungen nehmen spirituelle Lieder aus aller Welt einen großen Raum ein, und es wird deutlich, das sie spirituelle Musik als eine starke Kraftquelle für jeden Menschen und wichtige Orientierung für die Gemeinschaft wahrnimmt.

7.5.2.4 Singen mit Tieren, Pflanzen und Wasser — zur Ebene der Verbindung von Musik und Natur
Musik und Natur sind für H. Feinbier unmittelbar verbunden, wobei diese Verbundenheit auch für die gesamte ZEGG-Gemeinschaft gilt. Die Fürsorge für die Natur und ein naturverbundenes Leben spielen im Zentrum eine wichtige Rolle, — etwas, was der Obstgarten am tiefsten Punkt ihrer Siedlung symbolisiert. In ihren spirituellen Liedern, die bei allen großen Festen der Gemeinschaft gesungen werden, spiegelt sich ihre hohe Achtung gegenüber der Natur. Im Laufe der nahezu 20-jährigen Geschichte des ZEGG nahm H. Feinbier an etlichen Experimenten und Gemeinschaftserfahrungen mit Musik in der Natur teil, angefangen beim Besingen des Gemüses im Garten der Gemeinschaft über telepathische Kommunikationsversuche mit Bäumen, Steinen und Tieren durch Musik bis hin zu musikalischen Kontakten mit Walen und Delphinen an Bord eines Forschungsschiffes. Dabei berührte sie besonders eine Erfahrung des Besingens von Wasser. Mögen dies singuläre, herausragende Erlebnisse sein, deren Nachhaltigkeit offen bleibt, so klingt aus ihren Worten ein tiefes Verständnis für die komplexe Verwobenheit von Natur und Musik und das Engagement für eine neue/alte Verbundenheit in einer der Natur entfremdeten Gesellschaft.

7.5.2.5 Singkreise für alle — zur Ebene der Einbeziehung des Umfelds
Hagara Feinbiers musikalische Arbeit trägt maßgeblich dazu bei, dass das ZEGG mit seinem regionalen Umfeld und weit darüber hinaus intensiv vernetzt ist. Neben Einladungen zu großen Festen der Gemeinschaft und eigenen Veranstaltungen in Institutionen der Umgebung sind es vor allem ihre wöchentlichen „Singkreise“, die Menschen aus der Region anziehen. Diese Singkreise gestaltet sie als offene Kommunikationsflächen für Menschen der Gemeinschaft und ihres Umfelds, wobei sie Tänze und kleine Begegnungsrituale zur Wahrnehmungsschulung mit einbezieht. Durch die Singkreise wie auch ihre Seminare, Ausbildungen, Sommercamps und Festivals entsteht ein beständiger Austausch mit dem regionalen und überregionalen Umfeld. Besonders ihre Ausbildungen zu SingkreisleiterInnen tragen stark dazu bei, dass ihr Anliegen einer gemeinschaftlichen Kultur des Singens inzwischen in ganz Deutschland Früchte trägt.

7.5.2.6. Ermutigung im Singen — zur Ebene des kulturellen Wandels
Dieser Aspekt hat für Hagara Feinbier eine besondere Priorität, da sie und die Gemeinschaft des ZEGG für die Entfaltung einer neuen Kultur arbeiten, die sich in allen Bereichen des Lebens ausdrückt. Musik hat darin einen zentralen Wert für sie, denn sie ist davon überzeugt, dass Musik für eine Gemeinschaftsbildung von grundlegender Bedeutung ist. Ihre Erfahrungen bei der Leitung von Singkreisen, Seminaren, Ausbildungsgruppen und den großen „Come Together Song“-Festivals bestärken sie in ihrem tiefen Vertrauen in die transformative Kraft von Musik und Gemeinschaft. Sie erkannte, dass die Gemeinschaftserfahrung in ihrer musikalischen Arbeit Menschen dazu motiviert, aus Isolation und Resignation auszubrechen und Vertrauen in sich selbst und ihre Mitmenschen zu gewinnen, sodass sie für die Verwirklichung ihrer Bedürfnisse und ihres politischen Willens aktiv werden können, denn: „es sind so viele, die das Gleiche tun, in die gleiche Richtung wollen […].“ Individualität und Gemeinschaft werden nicht mehr als Gegensatzpaare erlebt, sondern das Individuum erfährt Hilfe, Stärkung und die Möglichkeit zu kreativer Entfaltung in einem gemeinschaftlichen Raum. So sieht sie ihre Arbeit als Ermutigung für Menschen, die auf der Suche sind nach einer neuen Kultur, und nährt in ihnen das Vertrauen, dass aus der Kraft der Verbundenheit gesellschaftliche Veränderungen möglich sind. Durch ihre Singkreisleiter-Ausbildungen hat sie inzwischen einen Multiplikationseffekt ausgelöst, da ihr Anliegen eines offenen gemeinschaftlichen Singens bereits in vielen sozialen Einrichtungen von Menschen, die sie ausbildete, praktiziert wird.

7.5.2.7 Im täglichen Leben verwoben — zur Ebene des Therapeutischen
Hört man H. Feinbier über ihre Aktivitäten sprechen, so wird deutlich, dass sich der therapeutische Aspekt — in einem weiten Verständnis — durch ihre gesamte Arbeit zieht. Bedingt durch ihr ganzheitliches Lebensmodell und sein zugrunde liegendes Weltbild, ist es kaum möglich, festzustellen, wo dieser Aspekt beginnt und endet. Die (Lebens-)Räume von Singkreisen, die sie beschreibt, haben viele Merkmale eines therapeutischen Raums: Es ist ein Freiraum, in dem jede und jeder so angenommen wird, wie sie bzw. er ist, in dem „alles sein darf“ und unter fachkundiger Leitung Geborgenheit und Verständnis in der Gemeinschaft erfahren werden kann. Das Singen, der kreative Ausdruck in diesem Raum, dient in erster Linie der Gemeinschafts- und Selbsterfahrung in der Intensität des Augenblicks, um seelische und körperliche Verspannungen zu lösen, damit „das Herz frei“ wird für eine kommunikative und kreative Gestaltung des Lebens, — Aspekte, die auch in therapeutischen Zusammenhängen und der Gesundheitsprophylaxe relevant sind. Darüber hinaus setzt sie das Singen gezielt für bestimmte gemeinschaftliche Anlässe ein, bei denen es um Lebenshilfe mit Musik geht, wie z.B. bei Geburten oder Trauerfeiern. Hagara Feinbier ist von der transformierenden Wirkung ihrer Arbeit überzeugt. Dabei beruft sie sich einerseits auf Forschungen zur Wirkung des Singens und andererseits auf ihre langjährigen Erfahrungen mit den Auswirkungen von Musik und Gemeinschaft auf den Menschen. Sie nimmt ihre — im weitesten Sinn —therapeutische Wirkung am veränderten Gesichtsausdruck und Energiefeld der Menschen im Prozess ihrer Seminare wahr. Allerdings hat sie eine kritische Haltung gegenüber dem Therapie-Begriff und weist auf die entfremdete Kultur der modernen westlichen Gesellschaften hin, die u.a. bewirke, dass man als Ergebnis eines isolierten Lebens beständig Therapeuten aufsuchen müsse. Demgegenüber plädiert sie für die Verwirklichung einer Kultur, in der die von ihr kreierten Räume ein natürlicher alltäglicher Bestandteil des Lebens werden, wie es in archaischen Kulturen gängige Lebenspraxis ist. Innerhalb des Zentrums wird versucht, eine solche neue/alte Kultur zu realisieren. Übergangsrituale haben darin für sie einen wichtigen Stellenwert, und sie arbeitet dafür, sie ins alltägliche Leben wie auch anlässlich festlicher Ereignisse zu integrieren.

7.5.3 Resümee
In der Begegnung mit Hagara Feinbiers musikalischer Arbeit nahm ich ihre große Hingabe wahr, mit der sie Menschen und Musik verbindet. Sie setzt sich leidenschaftlich dafür ein, Menschen zu ermutigen, musikalische Freiräume von Vertrauen und Geborgenheit zu schaffen und arbeitet dafür, dass solche Räume nicht als isolierte therapeutische Maßnahmen, sondern als natürliche Bestandteile des alltäglichen Lebens in einer sich wandelnden Gesellschaft betrachtet werden. Ihr Anliegen ist die Re-Integrierung von gemeinschaftlichen Kommunikations- und Kunstformen in das Leben, um zur Entstehung einer neuen Kultur, Ökologie und Politik beizutragen, anstelle eines Einsatzes therapeutischer Interventionen, der darauf abzielt, das bestehende Gesellschaftssystem funktionsfähiger zu machen. Ihre Arbeit steht dadurch einer CMT, die sich als Kraft für einen kulturellen Wandel versteht, nahe. Sie kann aus meiner Sicht als eine im weitesten Sinn therapeutisch wirksame Form des Singens betrachtet werden, die zur Entwicklung von Mitgefühl, Verantwortungsbewusstsein und einem ganzheitlichen Verständnis von Leben, Kunst und Natur beiträgt. Auch durch die Einbeziehung der Menschen ihres regionalen Umfelds in die Singkreise und musikalischen Kommunikationsformen ist ein CMT-Bezug gegeben. Hagara Feinbier hat ein starkes, durch ihre Erfahrungen im ZEGG genährtes Vertrauen in die Kraft von Gemeinschaft. Es bildet die Basis ihrer Arbeit, in der sie beständig Menschen ermutigt, dieser Kraft zu vertrauen und sie in ihr persönliches wie berufliches Umfeld zu tragen. Sie erkannte, dass in einer Gesellschaft von Trennung, Abspaltung und Isolation die Erfahrung, nicht allein zu sein, sondern gemeinsam etwas bewegen zu können, starke positive Energien freisetzt. Mit ihrem einfühlsamen, kraftvollen Wesen und ihrer Kompetenz erreicht sie eine sich beständig vergrößernde Zahl von Menschen, die ihre besondere Art gemeinschaftlichen Singens in die sozialen Einrichtungen Deutschlands tragen oder selbst neue Initiativen für freie, therapeutisch wirksame Formen des Singen kreieren (vgl. Feinbier 2010).